Der eigen-artige Wirt in Falkenstein

erzählt von Jimmy Schlager

Kennen Sie Falkenstein? Ein Kabarettisten-Kollege würde diesen Ort so beschreiben: „Es is noned der O**** der Wööd, owa ma siacht scho sehr guad hin!“

Eine gute Autostunde von Wien entfernt liegt dieser Ort so nah an der Grenze zu Tschechien, dass es fast schon nimmer näher geht. Es gibt auch keine Durchzugsstraße für den Nord-Süd-Verkehr, und darum kommt man nur nach Falkenstein, wenn man auch wirklich dorthin will. Gründe dafür gibt es einige …

Das Yin-Yang-Prinzip aus der chinesischen Philosophie kann schon helfen, die sich anziehenden Gegensätze in diesem Weinviertler Dorf zu erklären. „De Wööd aun sich is jå scho wås Komisches!“ (ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wem dieses Zitat jetzt genau zuzuordnen ist; war es Lao-Tse, Karl Marx, oder doch mein Opa …?), und dieser Satz passt auf Falkenstein.

Wie ein Diadem schmiegt sich die Marktgemeinde um den Hügel, auf den vor rund tausend Jahren irgendein Adelsgeschlecht (mehr dazu auf www.falkenstein.gv.at) eine Burg gebastelt hat. Und so wie’s ausschaut, hat sich seitdem kein Handwerker mehr dorthin verirrt. Wunderbar lässt sich von dort der Blick schweifen — von den Tiefen des Weinviertels bis in die Ferne des tschechischen Nachbarlandes. Die Besitzer der Burg wechselten im Laufe der Jahre mehrmals, aber da in Falkenstein schon vor dem Bau der Burg Wein angebaut – und getrunken – wurde, war das den Bewohnern der restlichen Bauwerke im Ort bestimmt genau so wurscht, wie das berühmte umgefallene Reissackerl irgendwo in China. Der Wein und der Ort gehören natürlich untrennbar zusammen und genau hier beginnt unsere Geschichte der Sonderbarkeiten.

Vor cirka 12 Jahren kam der motivierte Severin (fast) frisch aus Wien. Gelernt hat er im Sacher (das ist angeblich ein Hotel in der Innenstadt. Es gibt dort auch Torten …), und nach ein paar Gastro-Stationen arbeitete er sich von Tirol (Saisonjobs) über Mistelbach (Cafe Harlekin) langsam wieder zurück in die Idylle des heimatlichen Falkennestes.

Severin, so heißt im Weinviertel nicht jeder. Nicht einmal jeder Siebenundzwanzigste … Dem Herrn Papa gefiel der Name aber recht gut, und wenn der arme Bub in seiner Jugend auch nicht so glücklich war damit, so dürfte der Vater schon einen gewissen Riecher gehabt haben. Denn die Besonderheit dieses Vornamens ist quasi zum Programm geworden!

Wenn man nach so einem weiten gastronomischen Weg wieder nach Hause kommt, dann hat man ja einiges erlebt. Der Eigenwilligkeit seines Namens folgend, hat er sich dann auch gleich daran gemacht, ein paar Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Im elterliche Presshaus in der Kellergasse (und in Falkenstein hat jeder einen Keller in der Kellergasse … das ist quasi der Zweitwohnsitz der Weinviertler!) erfüllte er sich den Traum eines eigenen Lokales. Es wurde ein Bierlokal. Mitten in einer Weinviertler Kellergasse … Sie sehen schon, wo die Reise hingeht!

Der Name: Siebenschläfer.
Schläft lange und gerne, und ist nachtaktiv.
Noch Fragen?

Am 21. April 2004 wurde eröffnet. Seitdem wird hier gearbeitet, gelebt und getrunken. Und natürlich auch gegessen.

Wenn Regionalität und Originalität zusammentreffen dann hat das schon Kraft. Der ›Sevi‹ verbindet das mit der ihm eigenen Eleganz und vor allem mit dem Witz, den er hat. Und wenn er einen ländlichen Feuerwehrball bekocht, dann findet man auf der Karte schon einmal vegane Ravioli mit irgendeinem Gemüsezeugs drinnen, oder Burger vom Bio Rind. Schnitzel gibt´s natürlich auch, weil ja sonst die meisten Ballgäste gar nicht wüssten, was sie essen sollen. Aber den Zauber des Unangepassten bringt der quirlige Wirt schon auch immer mit auf die Speisekarte.

Die Gäste kommen von nah und fern. Der Ort hat irgendwie Magie und beim Wirten wird’s selten fad. Im ausgebauten Dachboden treten Bands und andere Künstler auf, die Gaststube lockt mit Gemütlichkeit, Büchern, Wein, Essen und mit dem Bewusstsein, dass sich der Reiz des Nichtstuns hier sehr gut entdecken lässt. Gerade das Nichts lässt sich im Weinviertel ja sehr gut finden. Es ist quasi überall! Das berühmte Nirvana, dass sich im Buddhismus erst durch viel Meditation und nach unzähligen Reinkarnationen offenbart, begegnet einem hier quasi hinter jeder Wirtshaustür. Und wenn man es nicht gleich erkennt, dann kann man ja bei „Hendlhautgrammeln“ gerne darauf warten.

Irgendwie fällt mir beim Schreiben immer wieder der Vergleich mit der Burgruine ein. Der ›Sevi‹ hat für mich eine ähnlich herausragende Position in dem Ortsgefüge. Irgendwie passt er so gar nicht dorthin, und doch kann man sich ihn nirgendwo anders vorstellen. In der weiten Enge des Weinviertels sind solche Quergeister natürlich immer ein erfrischender Segen. Mit Langmut ertragen sie die Mühen der Ignoranz, der sie mit Gleichgültigkeit und einer ungebrochenen Freude an Neuem begegnen.

So ein Wirteleben — und das weiß ich aus eigener Erfahrung — ist nämlich abseits der lustigen, feuchtfröhlichen Abendstunden nicht unbedingt was für die Ewigkeit und auch mit einem Familienleben kaum zu vereinbaren. Da braucht es eine gewisse Distanz, sowohl zu seiner Arbeit, als auch zu seinen Kunden, die — wenn sie einmal Gaststatus haben — ja auch oft nicht mehr von Freunden zu unterscheiden sind.

Die lauschigen Nächte bedürfen einer langen Vorarbeit. Wie bei einem Kunstwerk müssen auch hier die Gegebenheiten geschaffen werden, um der Leichtigkeit des Augenblicks Platz zu geben. Und je besser man solche Abende vorbereitet, je mehr Liebe und Hingabe man in solch kurzzeitige Momente investiert, umso besser werden die.

Und genau dafür ist der Sevi der richtige Mann! Seine Interessen gehen in so verschiedene Richtungen, dass es sich in einem Leben sowieso nicht ausgehen würde, ihnen allen nachzugehen. Er liebt seine Familie, seine Arbeit und natürlich auch sich selbst, weil’s ja sonst keinen Sinn machen würde. Er ist leidenschaftlicher Sportler und immer offen für Neues!

Auch wenn er sich damit noch mehr Arbeit einhandelt. Als ein umtriebiger Regionalmanager eine Bogensportanlage in Falkenstein anregte und plante, war Severin Weber natürlich gleich dabei. Als der Manager aber kurz vor Baubeginn — alles war geplant, die Sponsoren standen mit den Baufirmen Gewehr bei Fuß — den Job wechselte, gründete er kurzerhand einen Verein, um die Sache ins Rollen zu bringen. Den Vereinsvorsitz in der Funktion des Obmannes wollte er nur interimistisch übernehmen: „I håb gsågt, dass i’s bis zur nächsten Sitzung måch, und daun wird a neicha g´wööt! … Nau jo, des woa vor åcht Joah, seitdem binnis …“

Und das ist das Wesentliche. Das ist das Salz in der Suppe jeder kulturellen Aktivität. Wenn man sich die ländlichen Regionen anschaut, dann leben die immer von ein paar „Komischen“, die sich aus der Eintönigkeit der Gegebenheiten erheben und mit der Nase gegen den Wind stellen. Die etwas tun, weil sie es lieben. Und natürlich kann da das eine oder andere Projekt scheitern. Und natürlich wird man dann von denen, die „es ja schon immer gewusst haben“, belächelt. Aber das kann man getrost ignorieren. Die wichtigen und vor allem richtigen Leute orientieren sich nicht am Erfolg einer Sache, sondern begeistern sich an der Idee und an der Durchführung. Wenn „der Weg das Ziel ist“, dann hat man schon von Beginn an gewonnen.

Und ja, er wird sich schon oft geärgert und gegiftet haben, der Sevi, aber wenn er sich von solchen Kleinigkeiten aufhalten ließe, dann wäre er bestimmt in Wien geblieben und hätte im Sacher Karriere gemacht, wenn das seine Welt gewesen wäre. Aber das ist sie nicht! Seine Welt ist in Falkenstein! Dort baut und zimmert er sich sein Leben zurecht und es ist eine wahre Freude, ihn dabei zu beobachten!

Fahren Sie hin, Sie können ihm dabei zuschauen! Es macht auch wirklich Spaß! Und wenn er einmal grantig ist, weil gerade irgendein Depp irgend einen Blödsinn gemacht hat, dann ist dieser Grant bestimmt echt! … und wenn man nicht gerade selber der Depp ist, auf den der Grant gemünzt ist, dann hält man das schon aus!

www.7schlaefer.at

aus der Frühlingsausgabe 2017
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